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Niehammer: Hallo Wolfgang, da bin ich wieder einmal!
Wallner-F.: Hallo Ferdinand!
N: Ich habe mich mit Jemandem unterhalten, der das Buch ‚Elihu' gelesen hat. Wir kamen auf das Kapitel ‚8B / g726 - DAX14 - 598Li - 755 / DU' zu sprechen, über das wir auch schon einmal ein Gespräch hatten (Anm.: über die Handelswege).
WF.: Ja, da haben wir über einen politischen Aspekt schon ausführlich gesprochen.
N: Die Frage tauchte auf, wie kann es zu einer Gesellschaft kommen, die sich praktisch ohne Gegenwehr ihre Stimme nehmen lässt?
WF.: Das ist glaube ich eine wichtige Frage. Eine Frage, die im Bezug auf die im vorigen Jahrhundert stattgefundenen Massenvernichtungen und im Hinblick auf Erklärungen zur Machtfülle der Diktatoren und der ‚Führer des Volkes' schon oftmals diskutiert wurde.
N: Man müsste eigentlich annehmen, solche Gesellschaften sind in der Zukunft nicht mehr möglich. Eine zukünftige Gesellschaft ist ja im Kapitel ‚8B / g726 - DAX14 - 598Li - 755 / DU' geschildert!
WF.: Ich bin sicher, dass es immer wieder so eine Gesellschaft gab und geben wird, solange nicht ein Bewusstsein einsetzt, die solche Unterdrückungen unmöglich macht. Einen möglichen Weg dazu hätte ich ja im ‚Elihu' geschildert.
N: Wo gab es solche Gesellschaften?
WF.: Scheinbar gab es in allen Zeiten so genannte „Stände“, zum Beispiel bei ‚unseren' Vorfahren, den Germanen.
N: Das kann ich mir leicht vorstellen, scheinbar waren die faschistischen Organisationen des 20. Jahrhundert an solchen Gesellschaften interessiert. Wie sah eine solche Gesellschaft damals aus?
WF.: Da gab es zunächst einen Stand der Autorität. Das waren die Herrschenden und die Priester. Darunter gab es den Stand der Macht, der durch Krieger und Adelige repräsentiert wurde. Diesem Stand folgte der der Produktion, das waren freie Bauern und auch Handwerker. Außerhalb und vor allem unterhalb dieser Ständeordnung waren die rechtlosen Unfreien, die Sklaven und Knechte.
N: Das erinnert mich an die oberen Kasten des alten Indiens, die Brahmanen, Kshatriyas und Vaishyas und die verachteten ‚nichtarischen' Diener, die Shudras.
WF.: Nicht von Ungefähr bezeichneten sich die Nationalsozialisten als Arier! Aber diese Einteilung gab es auch bei Platon!
N: Erzähle.
WF.: In seinem Entwurf zu einem Idealstaat unterscheidet er Regierende oder Philosophen, Wächter oder Helfer und gewöhnliches Volk.
Auch die mittelalterliche Kirche in Europa teilt die Gesellschaft in ‚oratores' (Beter), ‚bellatores' (Krieger) und ‚laboratores' (Arbeiter) ein. Und Luthers Ständelehre spricht griffig von ‚Lehrstand', ‚Wehrstand' und ‚Nährstand'. In allen diesen Ständesystemen haben Sklaven, Fremde, Leibeigene und auch in bemerkenswerter Weise ‚Unehrliche' ihren Platz unterhalb der Skale und außerhalb der Ordnung!
N: Der Entwurf eines ‚Idealstaates' scheint mir nicht so ideal zu sein, zumindest nicht für alle Menschen dieses Staates.
WF.: Ja, vielleicht wurde nur vergessen, hier Durchlässigkeiten zu ermöglichen. Eine ‚Eingliederung' des Einzelnen in einen dieser Stände müsste eine selbstgewählte Zuordnung sein.
Der ‚utopische' Sozialismus sah ja als mögliche ‚Durchgänge' die Bildung des Menschen vor. Gedacht war aber nicht an eine zweckorientierte ‚Ausbildung' sondern die ‚absichtslose Bildung' hin zu den Möglichkeiten des Menschen war vorgesehen. Darüber haben wir schon gesprochen (Anm.: über die Verkehrswege). Achtung, damit behaupte ich, dass wir auch heute in einer solchen Ordnung leben.
Natürlich ist eine vertikale Durchlässigkeit, ein ‚Aufstieg' heute möglich, wenn sie ‚angepasst', still und vor allem in Einzelfällen erfolgt. Eine vertikale Durchlässigkeit, zumindest nach ‚oben' in diesem System ist nur dann erwünscht, wenn der Aufgestiegene sofort sich dem neuerlangten Stand anpasst.
Die USA nannte man ‚das Land der unbegrenzten Möglichkeiten', in der ein Aufstieg ‚vom Tellerwäscher zum Millionär' möglich sei.
Dass ein solcher ehemaliger Tellerwäscher das herrschende Klassensystem und deren Möglichkeiten dann noch lobt, verhöhnt die restlichen Hungernden unsäglich und raubt ihnen noch dazu einen eventuellen Rest Selbstwertgefühl.
Alle aufmüpfigen Tellerwäscher, sofern sie überhaupt so einen Stand erreichen konnten, werden aber durch milde ‚Charity ' entrechtet, ‚niedergebügelt' und mundtot gemacht.
Alles ist ohnehin gut und in Ordnung!
N: Eine solche ‚ Selbstgerechtigkeit' ist widerlich!
Um zum Thema zurück zu kommen, w ie sah die nationalsozialistische Ideologie zu einer Ständeordnung aus?
WF.: Hitler und Alfred Rosenberg, der führende Theoretiker der NS-Weltanschauung, planten einen ‚Ordensstaat'. Regiert soll dieser von einem ‚Ordensrat' werden, aus dem ein Führer gewählt wird.
Dieser Ordensrat stützt sich auf einen ‚Leistungsadel', die breite ‚Elite' der Parteimitglieder als Mittelschicht.
Getragen werden sollte das System von der ‚Volksgemeinschaft', der großen Masse der ‚ewig Unmündigen'.
Darunter befindet sich ein Arbeitsheer von ‚unterworfenen Fremdstämmigen' als ‚modernes Sklaventum'. N.: Das erschreckt mich etwas.
Sind wir davon wirklich weit entfernt?
Über das Fremde, das auf ausländische Arbeiter projiziert wird, haben wir auch schon bei den Beschränkungen der Handelswege gesprochen.
Auch über die Unmündigkeit hast Du im ‚Elihu' geschrieben.
WF.: Ich meine auch, das ‚unser' kapitalistisches System genau diesen nationalsozialistischen ‚Ordensstaat' verwirklicht! Tatsächlich haben sich nur die Bezeichnungen ‚Ordensrat', Leistungsadel', ‚Volksgemeinschaft' und ‚unterworfene Fremdstämmige' gewandelt. Inhaltlich gibt es keine so großen Änderungen.
Und heute hat sich ein solches System auf demokratischem Weg ergeben. Heute wird der ‚Volksgemeinschaft' auch schon in den Schulen beigebracht, dass es keine Stände oder Klassen mehr gibt.
Selbstzufrieden können auch wir uns zurücklehnen, nicht nur die Bürger der Vereinigten Staaten!
N: Also, was tun?
WF.: Manche dieser Stände haben naturgemäß kein Interesse an einer Änderung, anderen fehlt jede Möglichkeit dazu, da sie gar keine Einsicht in das System bekamen und eine Plattform zur Bildung von Bewusstsein darüber möglichst verhindert wird. Das Bestehen eines solches Systems wird ja schon in den Schulen ‚geleugnet'.
So sehr der Untergang der kommunistischen Regime zum Teil zu Recht als Sieg der Menschenrechte gefeiert wurde, ausgenützt und vielleicht sogar inszeniert wurde dies von kapitalistischen Organisationen, die vielleicht dem nationalsozialistischen ‚Ordensrat' entsprechen. Kommunistische Plattformen ermöglichten früher - natürlich durchaus aus eigennützigen Gründen - das Aufzeigen von Missständen in kapitalistischen Ländern.
Schlimmerweise steht zusätzlich an der Spitze kapitalsorientierter Organisationen nicht einmal mehr ein Mensch, sondern eine abstrakte Erfindung, das Kapital, bestenfalls ein nicht adressierbarer Aufsichtsrat!
N: Du schreibst in dem angesprochenen Kapitel Deines Buches folgendes dazu:
‚ Um die Menschen ruhig zu halten, war es notwendig, sie mit solchen Informationen zu versorgen, die das System nicht in Frage stellten. Man normierte also die Denkungsweise der Menschen mit Daten, die das herrschende System priesen. Man wusste, das Tiefste im Menschen war etwas, dass nur in Bilder und Symbolen ausgedrückt werden konnte. Wenn man dieses Tiefste ansprechen wollte, musste man nur die gängigsten Symbole dafür auswählen. Diese Symbole waren nun etwa Blut und Erde, oder das Fremde. Die Symbole Blut und Erde rührten oftmals an ein Verteidigungsverlangen der Menschen, stehen sie doch für das Eigene des Menschen, während das Symbol des Fremden zwar ursprünglich Neugierigkeit erweckte, damit aber auch Vorsicht und vordergründig Angst. Durch die Verwendung dieser und anderer Symbole wurde immer erreicht, was den Reichen angenehm und nützlich war.
Da die Informationen das System lobten, in dem die Menschen lebten, fühlten sich die Empfänger auch gelobt, da sie ja in diesem System und sogar für das System lebten. So wurden diese Informationen, die die Lebensweise der Menschen bestätigten, immer beliebter. Weil die Menschen ohne Inhalt aus ihrem Eigenen waren, war auch das Einzige ohne Inhalt. Auch Elihu, oder richtig gesagt 8B / g726 - DAX14 - 598Li - 755 / DU war so.' (© jbl-literaturverlag)
Es läuft also wieder einmal auf ‚Bildung' heraus?
WF.: Interesse an einer Änderung müssten vor allem die Menschen ab dem ‚Dritten Stand' haben. Doch zuerst einmal müssten sie erkennen, dass sie in einem Ständesystem leben und dass es sich um ein konstruiertes, künstliches System und nicht um eine ‚gottgewollte' Ordnung oder um ein Naturgesetz handelt, in dem es auch eindeutige Gewinner und Verlierer gibt.
Demokratie ermöglicht zumindest grundsätzlich die Entsendung in den ‚Leistungsadel', auf dem sich der ‚Ordensrat' stützt. Doch müsste eine Entsendung in den ‚Leistungsadel' (die ‚Kaste' der politischen Abgeordneten) nicht mit einem Vergessen des Herkunftsstandes und dessen Anliegen zusammen fallen.
Wichtig erscheint mir auch, dass alle Organisationseinheiten, in welchem Bereich und zu welchem Zweck auch immer sie bestehen mögen, überschaubar sein müssen. Sonst kommt es zu wirklichen oder auch nur aufgeblasenen Machtfüllen, die Änderungen fast immer unmöglich erscheinen lassen. Im puren Kapitalismus gibt es eben keine Menschlichkeit.
Übrigens war das Ständesystem der Germanen vertikal durchlässig!
N: Auch die Träger der ‚Französischen Revolution' waren Adelige!
WF.: Nebenbei fällt mir dazu auch ein, wie rasch eine Erscheinung wie die ‚Pariser Kommune' des Jahres 1871, also die zweite mit diesem Namen nach der Französischen Revolution, von den Herrschern brutal und blutig niedergeschlagen wurde, es gab 25 000 tote Communards.
Da bestand ein interessantes Einvernehmen zwischen den Herrschern verschiedener Staaten! Heute steht im Lexikon darüber, dass die politisch zerstrittene Kommune im Verlauf der Kämpfe in der ‚blutigen Woche' von Regierungstruppen besiegt wurde. So gründlich wurde dieser Versuch einer neuen Gesellschaftsordnung niedergeschlagen, dass heute darüber nicht einmal in den Schulen erzählt wird. Erich Fromm spricht in seinem Buch: „Sein oder Haben“ ausführlich über diese Kommune, interessant ist auch, was damals für Ansprüche an Volksvertreter gestellt wurden, diesen Ansprüchen sollte auch heute ein ‚vertikaler Aufsteiger' entsprechen. Weit über hundert Jahre danach sind wir noch immer Lichtjahre von der Erfüllung dieser Ansprüche entfernt, schlimmer noch, wir stellen solche Forderungen nicht einmal! (Anm.: Zur Verdeutlichung deren Ansprüche wird im Anschluss an das Gespräch ein Aufruf der Kommune zu Gemeindewahlen aus dem Jahre 1871 angeführt).
Zu den Trägern der Französischen Revolution zurückkommend, es könnte ja jetzt auch einmal ein Politiker auf die Idee kommen, das System in Frage zu stellen. Ein ‚demokratischer Lohn' dafür könnte ihm gewiss sein, wenn es gelingt, einflussreiche Medien zu begeistern. Da mit solchen Ideen das Interesse einer Mehrheit geweckt werden kann, könnte dadurch auch im ‚kapitistischen Sinn' Gewinne erzielt werden. Popularität verschafft auch jetzt Profite und populär wären Ideen zur Änderung des Systems ja allemal, wenn nicht gleich Anfangs einer diesbezüglichen Diskussion von den Bewahrern des Kapitals über willfährige Medien gezielt gemobbt wird.
N: Warum kommt es aber dann nicht dazu, läge doch da sozusagen ‚das Geld, oder der Erfolg auf der Strasse'? Warum finden sich diese Personen und Medien nicht? Warum verlangt das ‚Volk' nicht vehement nach einer Änderung?
WF.: Gewohnheit, Behaglichkeit? Ein Vogel, der lange Zeit in seinem Käfig war, fürchtet sich vor der Freiheit und benützt die offene Türe nicht! Vielleicht hat er sogar durch seine Erziehung verlernt, eine offene Türe zur Freiheit zu sehen!
N: Ich glaube, Du hast Recht! Das Gesellschaftssystem, das Du im Kapitel ‚8B / g726 - DAX14 - 598Li - 755 / DU' beschrieben hast, ist kein zukünftiges. Es ist das System, das uns schon fast immer umgab. Nur wenn wir diese Ordnung in einem fernen System, zum Beispiel dem Faschismus des 20. Jahrhunderts erkennen oder vielleicht in einem fatalistischen Gottesstaat erkennen wollen, prangern wir es an. Wir leben aber auch jetzt in einem solchen System, in solch einer Ordnung, es darf halt niemand wissen!
WF.: Erzähle das weiter!
N: Wenn es wer hören will gerne. Danke für das Gespräch. Bis ‚Wiedereinmal'!
WF.: Ich freue mich auf ‚Wiedereinmal'. Alles Gute!
N: Dir auch!
Wolfgang Wallner-F., „Elihu; Hinterlassene Aufzeichnungen aus der Ewigkeit“, jbl-Literaturverlag, ISBN 3-902159-13-8,
http://elihu.wolfgangwallnerf.com
www.wolfgangwallnerf.com
ferdinand.niehammer@inode.at
Anhang: Aufruf der „Pariser Kommune“
25. März 1871, Pariser Kommune
Gemeindewahlen.
Bürger!
Unsere Aufgabe ist vollendet und wir treten unseren Posten an Eure neu gewählten, regelrechten Bevollmächtigten ab.
Durch Eure Vaterlandsliebe und Hingebung unterstützt, ist es uns möglich gewesen, das in Eurem Auftrage unternommene schwierige Werk glücklich zu vollenden. Dank Eurer beharrlichen Mitwirkung ist die wechselseitige Verpflichtung kein leerer Schall mehr und das Wohl der Republik gesichert.
Wenn unsere Ratschläge auf Eure Entschlüsse einigen Einfluß haben sollten, so erlaubt Euren eifrigsten Dienern, Euch vor der geheimen Abstimmung von den Erwartungen, welche dieselben auf die heutige Wahl setzen, zu unterrichten.
Bürger!
Vergeßt keinen Augenblick, daß nur diejenigen Männer Euch am besten dienen werden, welche Ihr aus Eurer Mitte erwählt; denn diese teilen mit Euch dasselbe Leben und die gleichen Leiden.
Mißtraut ebenso den Ehrgeizigen wie den Emporkömmlingen. Die einen wie die anderen werden bei ihren Handlungen nur vom Eigennutz gelenkt und halten sich zu guter Letzt stets für unersetzlich.
Mißtraut den Schwätzern. Sie sind unfähig zu handeln und werden einer Ansprache, einem rednerischen Erfolge oder geistreicher Worte alles andere opfern. – Meidet ferner die großen Günstlinge des Glücks. Denn nur gar zu selten ist der Reiche geneigt, den Arbeiter als seinen Bruder zu betrachten.
Suchet vielmehr Männer von aufrichtiger Überzeugung, entschlossene, tätige Männer des Volks von geradem Sinne und erprobter Ehrenhaftigkeit. – Gebt denjenigen den Vorzug, welche nicht um Eure Wahlstimmen buhlen; denn das wahre Verdienst ist bescheiden. Es ist Sache der Wähler, ihre Männer zu kennen, und letztere dürfen sich nicht hervordrängen.
Solltet Ihr auf diese Betrachtungen einigen Wert legen, so sind wir fest überzeugt, daß es Euch endlich gelingen wird, die wahre Volksvertretung einzusetzen und Bevollmächtigte zu finden, welche sich niemals als Eure Herren aufspielen werden.
Stadthaus, den 25. März 1871.
Der Hauptausschuß der Nationalgarde.
(Unterschriften)
Die Pariser Kommune bildete sich spontan als revolutionäre Gegenregierung in der französischen Hauptstadt während der Belagerung durch deutsche Heere im Krieg 1870/71. Die Aufständischen erstrebten die Umwandlung des straff zentralistisch gegliederten Staates in einen Bund souveräner Gemeinden und eine sozialistische Gesellschaftsordnung. Die Kommune wurde durch Truppen der Nationalversammlung in blutigen Straßenkämpfen niedergeworfen. Aus der Distanz von über hundert Jahren erscheint der Kommune-Aufstand als ein Unternehmen auf halbem Wege zwischen der bürgerlichen Revolution von 1789 und der russischen Oktoberrevolution, das kühn, jedoch planlos begonnen wurde und ein tragisches Ende nahm. |
       

















 





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